Myanmar: „Winds of Change“ oder „Vom Winde verweht“?

Sollen wir in ein Land fahren, dessen jüngstes Schicksal von einer Militärdiktatur geprägt wurde? Eine Frage, der man sich intuitiv stellt, wenn man einen Urlaub in Myanmar plant.

Im Rückspiegel unseres Urlaubs versuche ich, die Geschichte Myanmars und das, was wir dort gesehen und erlebt haben, zu verstehen. Denn der wunderschöne Vielvölkerstaat und seine 52 Millionen liebenswerten Menschen haben eine spannende, aber auch dramatische Geschichte, die geprägt ist von Buddhismus, schillernden Königen, unabhängigen Volksstämmen, britischem Kolonialismus, Weltkrieg und zuletzt einer Militärdiktatur.

Zwar gibt es im ehemaligen Burma seit 2011 offiziell einen Demokratisierungsprozess, dessen Ziel die Lockerung der internationalen Handelsblockaden ist. Diese Sanktionen, die die Weltgemeinschaft aufgrund der politischen Situation verhängte, haben das Land komplett isoliert und vom wirtschaftlichen Fortschritt abgeschnitten. Aber das junge demokratische Pflänzchen entwickelt sich nur langsam. Daran haben auch die beiden Wahlen, die seit dem statt gefunden haben (die letzte 2015), noch nicht viel ändern können. Grund sind die viele Altlasten, die dem Wandel im Wege stehen.

Rangun_KolinialstilRangun 8_Kolonialstil

Das Erbe der Briten in Burma

Geht man durch die quirlige Stadt Yangon, einst als Rangun die fortschrittliche Hauptstadt Burmas und Boomtown Asiens, entdeckt man an vielen Plätzen das inzwischen morbide Erbe der Kolonialzeit der Briten. Diese hatten das stolze Land in drei Kriegen niedergerungen, um ihre indischen Grenzen gegen Gegner jenseits Burmas abzusichern. Inzwischen wachsen Pflanzen aus den rissigen Fassaden der farbenfrohen einst so dekorativen Paläste. Das Postamt ist zu einem regelrechten Museum alter Kommunikationstechnologien geworden. Einzig beim Betreten des 1901 eröffneten und zwischenzeitlich wieder auf Hochglanz polierten, legendären Luxushotels „The Strand“ verspürt man den Hauch der viktorianischen Vergangenheit, dessen wiederhergestellter Luxus so gar nicht mehr zu dem passen will, was sich heute vor den hohen Flügeltüren abspielt.

Rangun PostamtRangun Postamt FaxRangun_TelegramThe Strand Hote, Yangon,

Was nach dem Rückzug der Briten geschah bzw. nicht geschah, ist heute durch die rigide Hand des Militärregimes gezeichnet. Selbst die zweiten demokratischen Wahlen 2015 haben daran noch nicht viel geändert. In Schlüsselpositionen sitzen weiterhin ehemalige Funktionäre und Militärs. Die wenigen Superreichen schicken ihre Kinder auf internationale Universitäten in den USA und England und besetzen selbst weiterhin wirtschaftliche Machtpositionen. Sie alle haben das Land in die internationale Isolation geführt und lassen nun den neuen demokratischen Kräften auch kaum Spielraum für den sichtlich notwendigen Wandel.

Hoffnungsträger im Antiquariat

Die aktuelle politische Lage ist auch für die Burmesen selbst schwer einzuschätzen. Ähnlich wie die Ost-Deutschen kurz nach der Wende wüßten die Burmesen heute noch nicht wirklich, wem man überhaupt trauen könnte, erklärte uns der europäische Koch eines Restaurants im vertrauten Moment sein Verständnis der derzeitigen Gemütslage im Land.

Hoffnungsträger der jüngsten Vergangenheit verlieren bereits ihren Glanz. Die Leitfigur des ersehnten Wandels ist Aung San Sau Kyi, Tochter eines legendären, zur britischen Besatzungszeit verfolgten Freiheitskämpfers. Sie selbst kämpft seit ihrer Freilassung aus dem 15-jährigen Hausarrest mit dem schweren politischen Erbe und scheint als Leitfigur des Wandels dramatisch zu scheitern. Bisher ist es ihrer neuen Regierung nicht gelungen, den unter Mühen geeinten Volksstämmen den verdienten Anschluss an die moderne Welt zu schenken. Viele werfen der Ministerin sogar vor, sich inzwischen mit den alten Funktionären arrangiert zu haben.

Präsident Obama, der als erster und einziger US-Präsident 2012 das Land besuchte und als Prophet einer modernen, neuen politischen Epoche gefeiert wurde, ist schon längst nicht mehr im Amt und sein Erbe verblasst. Die beiden sind zu Ikonen der Demokratie geworden. Sie sind omnipräsent, ihre Begegnung wird auf großen alten Kalenderblättern, die in vielen in Geschäften und Werkstätten hinter Folien hängen, von hoffnungsvollen Burmesen geradezu konserviert. Kyis Biografien und alte Obama-Reportagen liegen heute sorgfältig sortiert im Buch- und Zeitschriften-Antiquariat. Ihre Gesichter künden so noch immer, wenn auch ein wenig verknittert und verblasst, von der lang ersehnten und versprochenen „Time for Change“.

Rangun Aung San Suu KyiRangon Zeitschriften Newsweek

Wir haben uns für den Urlaub in Myanmar entschieden

…und sind unglaublich froh darüber. Unser erlebnisreicher Besuch in diesem gastfreundlichen Land war jeden Euro wert. Es stimmt: Die Unruhe in einzelnen Volksstämmen, Terrorattacken, schwere Naturkatastrophen und verkrustete Strukturen einer alten Diktatur blockieren den demokratischen Wandel in Myanmar. Und die brutale Verfolgung und Vertreibung der Rohingya haben das wunderschöne Land in jüngster Zeit sogar wieder ein Stück zurück in die Isolation getrieben. Der Tourismus ist eingebrochen.

Tourismus aber ist – neben den vielen Bodenschätzen – ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Wirtschaftsfaktor für das Entwicklungsland Myanmar. Er kann diesem Land helfen, endlich auf dem schwierigen Weg der internationalen Öffnung und Demokratie zu bleiben und weiter zu kommen. Lenken wir also die Aufmerksamkeit der Welt ein wenig mehr auf dieses Land. Seine liebenswerten Menschen leben unfreiwillig in der Vergangenheit und haben jetzt wirklich eine Zukunft verdient.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s