Zeitreise Myanmar – Eine Bahnfahrt durch Yangon

Wir sind in Myanmar. Warme Luft schlägt uns entgegen, als wir das Flugzeug verlassen. Die Immigrationsformalitäten am Flughafen Yangon haben wir schnell hinter uns gebracht. Ohne Komplikationen – es ging mit eVisum schneller als in New York. Gut so, denn die Reise bis Yangon war lang. Von Frankfurt mit Umsteigen in Bangkok ging’s in einem Rutsch bis in die ehemalige Hauptstadt Burmas mit ihren 5-Millionen Einwohnern. Yangon hieß früher Rangun und galt einmal als die Boomtown Asiens. Das war einmal, seit 2005 ist sie noch nicht einmal mehr Hauptstadt Myanmars, des damaligen Burmas.

Mingalabar – Willkommen in Yangon.

Es gibt keine Zeit zum Ausruhen. Erst einmal müssen wir jetzt unsere Reiseleiterin finden. Dutzende kleine Schildchen mit Namen recken sich uns hinter dem Zoll entgegen. Reiseführer und Fahrer erwarten hier ihre Kunden, die mit uns im Flieger angekommen sind. Alleine zu fahren ist für Fremde in Myanmar nicht erlaubt; aus gutem Grund, wie wir später feststellen. Daher ist hier gerade Hochbetrieb.

Es waren nur wenige Europäer an Bord, daher fängt uns ein freundlicher Burmese ab. Er meint, uns erkannt zu haben und führt uns quer durch die Empfangshalle lächelnd zu einem Kollegen am anderen Ausgang, der aber laut Schild auf eine andere deutsche Familie wartet. Wir lachen alle drei über das Missverständnis. Also, ich muss zurück zu Ausgang 1.

Da entdecke ich unseren Namen auf dem Schildchen einer zierlichen Dame, die aufgeregt mit kleinen Tippelschrittchen zwischen den beiden Ausgängen hin- und herläuft. Fröhliche Erleichterung macht sich auf ihrem Gesicht breit, als sie mein Handzeichen bemerkt. Sie sieht sehr nett aus, begrüßt uns: „Mingalabar – Willkommen in Myanmar“.

Sie stellt sich vor. ThienThien ist ca. Anfang 50, spricht Deutsch, und trägt, wie scheinbar alle hier – auch die Männer übrigens – einen bunten Wickelrock und Flip Flops. Sie wird uns die nächsten neun Tage durch die für Touristen authorisierten Gebiete Myanmars führen.

ThienThien bringt mich erst einmal zum Bankschalter, wo ich 100 Euro eintausche. Das Mitzählen bei der Geldausgabe ist hoffnungslos. Erstens bin ich platt von der Reise, zweitens ist es ein ziemlich dickes Bündel Kyat, dass ich da bekomme, und eine Quittung gibt’s auch nicht. Aber es passt, wie ich später per App nachrechne. Ein gutes Zeichen.

Wir fahren mit unserem Fahrer und ThienThien in das Hotel, wo wir die erste Nacht verbringen werden. Auf der Fahrt dem neuen 4-Sterne Marmorpalast wundere ich mich: So viele Autos hatte ich hier nicht erwartet. ThienThien erklärt uns, dass noch vor wenigen Jahren Fahrräder das Straßenbild prägten. Dann fiel die Luxussteuer auf Autos, und die Burmesen in der Stadt stellten sich um.

Eine Zeitreise beginnt

Wir checken im Hotel ein, eine schnelle Dusche tut gut. Dann machen wir uns trotz der langen Anreise auf den Augenlidern gleich wieder auf die Socken. ThienThien läßt uns nicht viel Zeit. Wir haben nur diesen Nachmittag für Rangun, da unser Flieger aus Frankfurt drei Stunden Verspätung hatte und wir in letzter Minute auf einen späteren Anschlussflug in Bangkok ausweichen mußten.

Unsere erste Begegnung mit dem echten Myanmar findet im Zug durch Yangon statt. Schon der Blick ins Ticketoffice des kleinen Bahnhofs macht klar: hier ist noch vieles so, wie man es nach dem zweiten Weltkrieg zurückgelassen hat – ohne dass ein Pinselstrich oder gar elektronisches Gerät dazugekommen wäre. Ausnahme: das Smartphone des Verkäufers… 🙂

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Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Die Schienen sind auf geradezu irrwitzige Art verbogen und schief. Die alten Dieselloks, die – überraschender Weise ohne zu entgleisen – pastellfarbene Waggons ohne Fensterglas ziehen, erinnern uns an indische Historienfilme…und auch ein bisschen an die Augsburger Puppenkiste 🙂

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Wir sind die einzigen Europäer an Bord, und überhaupt weit und breit. Alle anderen Fahrgäste sind von hier und schauen uns etwas verwundert, aber freundlich an. Mönche im typisch leuchtend-orangenen Gewand auf dem Weg zum Kloster, Frauen auf dem Heimweg vom Markt. Händler fahren ihre Waren umher. Und schon wieder kommt ein freundlicher Mensch auf mich zu. Eine von ihrem frommen Leben gezeichnete Schwester im pinken buddhistischem Gewand bietet mir spontan eine Mandarine von einem der vielen fliegenden Händler im Zug an. Die gehen im Waggon unter den alten stillstehenden Ventilatoren gelassen auf und ab. Also, eine Mandarine hat mir in der S-Bahn in Frankfurt noch niemand angeboten. Allerdings bin ich auch noch nie auf die Idee gekommen, jemandem etwas auf der Fahrt in die Stadt anzubieten. Die erste Anregung für das normale Leben daheim ist notiert.

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Vergessen ist alle Müdigkeit. Wir schauen uns mit großen Augen an. Kulturschock! Darauf ein Küsschen…nicht. An der Decke prangt der Hinweis, dass Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit auszutauschen genauso verboten ist wie zu rauchen und Müll wegzuwerfen. Während die ersten beiden Punkte strikt eingehalten werden, scheint letzterer nur gut gemeint zu sein. Wir rumpeln vorbei an qualmenden Müllhaufen, die einen beißenden Geruch verströmen.

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An belebten, aber auch ziemlich alten Haltestellen vorbei schaukeln wir auf den krummen Schienen bis zum britisch-kolonialen Hauptbahnhof, der dort noch genau so steht, wie er erbaut wurde. Wirklich alte Pracht und Herrlichkeit. Dort wartet unser Fahrer mit dem klimatisierten Wagen und sammelt uns wieder ein. Wir lehnen uns in die hellen Polster zurück, nehmen ein Schluck aus der Wasserflasche…Wow, das wird echt eine Zeitreise.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. juergen61 sagt:

    Toller Bericht Andreas, da wäre ich gerne mitgefahren !
    Wünsche dir noch einen schönen 3.ten Advent, lieber Gruss, Jürgen

    1. Danke Dir! Nächstes Mal sage ich Dir Bescheid! 😀

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