12. Mai 2014_Turin_Fiat_Teststrecke-8

Über den Dächern von Fiat | On the roof of Fiat

Von der alten Teststrecke auf dem Dach des alten Fiat-Werks in Turin hatte ich vor unserem Trip ins Piemont gelesen und war von dem Gedanken fasziniert. Giovanni Agnelli, Fiatgründer und Autovisionär baute die  Strecke im Jahre 1916 aufs Dach des wohl fortschrittlichsten Autowerks seiner Zeit. So wollte er die fertigen Autos vor der Auslieferung gleich testen. 1980 war das Werk dann stillgelegt geworden und drohte zu verfallen. Stararchitekt Renzo Piano baute den Komplex in ein Shopping- und Kongresszentrum um. Und die Teststrecke sollte seinen Plänen nach ein begrüntes Freizeit-Terrain werden. So stand es im Reiseführer.

Nach einer längeren Fahrt mit der Metro in den Vorort Lingotto und in Erwartung einer Touristenattraktion suchen wir allerdings erst einmal vergeblich nach einem Schild oder dem Eingang zur Teststrecke. Wir fragen schließlich an der Rezeption eines in das alte Werk eingebauten Design-Hotels nach. Etwas überrascht bekommen wir dort einen kleinen Schlüssel in die Hand gedrückt. Mit irgendeinem Aufzug irgendwo hinten in der angrenzenden Shopping-Mall sollen wir damit mal aufs Dach fahren.

Wir landen nach einigem Suchen auf einer völlig verwaisten Etage des alten Werks und gehen durch leergeräumte Büroräume. Wir fragen uns gerade, ob das so richtig sein kann, als wir plötzlich vor einer abgeschlossenen Glastür stehen, in die der kleine Schlüssel eher wie zufällig zu passen scheint – und treten tatsächlich aufs Dach.

Mit diesem Schritt treten wir eine Zeitreise an – 100 Jahre geht es zurück. Wir sind völlig allein auf dem Dach, und von den begrünenden Ideen des Architekten gibt es keine Spur. Alter, schwarzer Asphalt und graue, verwitterte Pflastersteine liegen unter unseren Füßen, soweit das Auge reicht. Unser Blick dreht sich im weiten Rund – da ist sie, die alte Teststrecke.

Und sie fühlt sich gewaltig an. Ein Kilometer Asphalt und zwei riesige Steilkurven. Ich denke sofort an meine alte Carrera-Bahn. Mein Puls beginnt plötzlich zu schlagen, Adrenalin pumpt in mein Blut. Heulende Motoren, laute Stimmen, jetzt geht die Phantasie mit mir durch. Wahnsinn. Wie im Trance drehe ich mich langsam um meine eigene Achse. Ich stehe plötzlich in einem riesigen Kinderzimmer, in dem wunderbare Autos im Kreis herum rasen. Bin der Testfahrer, der ein neues Auto mit Mut und Schwung durch die Kurven hoch über den Dächern donnert. Die Schwerkraft drückt mich in die Ledersitze. Es riecht nach Benzin, Öl und abgeriebenen Reifen.

Ich greife zur Kamera, krieche auf dem Boden, klettere in die abgesperrten Kurven. Unkraut spriesst aus Spalten, ein einsamer Jogger gesellt sich zu uns und dreht einsame Runden – wie in ein moderner Gladiator in einer alten Arena. Die gläserne Kuppel, die Renzo Piano auf das Dach stellte, wirkt wie ein Ufo, ein Fremdkörper, der in einer längst vergangen Zeit hier gelandet ist und vergessen worden zu sein scheint.

Als wir die Tür nach einer Stunde wieder hinter uns abschließen und in unsere Zeit zurückkehren, werde ich ein wenig melancholisch. Ich fühle mich wie damals, als ich meine neue Carrera-Bahn nach Heiligabend wieder abbauen musste…

I had read about an old car test track on the roof of the old Fiat factory in Turin’s suburb Lingotto before our trip to Italy and was fascinated by the idea. Giovanni Agnelli, Fiat founder and visionary car builder built the track in 1916 on the roof of the most-advanced car factory of its time. That way he was able to test the finished cars before their delivery. In 1980 the factory had become shut down and began to deteriorate.

In fact, our visit was a sort of time travel. The old race track was deserted and we were the only visitors. I felt transported back into my old children’s playroom – only bigger than my phantasie ever had suggested. I remembered my Carrera toy race track with its steep curves and a lot of beautiful fast cars. In my imagination I could hear the engines roar, and it virtually smelled of oil and gasoline. What a mind grabbing place…

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