vier alte Männer auf Strand-Bank in Nazaré

Portugal (6) – Saudade. Was für eine seltsame Art des Seins.

2013 Saudade Alter Mann im Auto blickt auf Meer

Saudade…ist kein Wort. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, das nur ein Portugiese empfinden kann. Saudade ist sogar eigentlich eine riesengroße Gefühlspackung aus Sehnsucht, Melancholie, Schmerz, Nostalgie und Einsamkeit zugleich. Und die Portugiesen lieben es, sich in diese Stimmung zu bringen und darin wohlig zu schwelgen – denn Saudade ist so wunderschön. Wer einmal den Fado gehört hat, diesen folkloristischen, gefühlvoll jammernden Gesang, der kann erahnen, was in einem Portugiesenherz vorgehen mag, wenn es Saudade empfindet. So richtig nachvollziehen wird ein Fremder dieses Gefühl jedoch niemals können:

Es ist der Wille eines Höheren
Daß ich mit dieser Angst lebe
In der alles Seufzen sich in mir vereint
In der alle Sehnsucht auf mich fällt

Was für eine seltsame Art des Seins
Die mein Herz ergriffen hat
In dieser verlorenen Weise
Wer hat ihm das eingeflößt
Was für eine seltsame Art des Seins.
(Auszug aus Fado-Lied: Estranha Forma de Vida)

Am Strand von Nazaré kann man ein bemerkenswertes Ritual beobachten, mit dem sich Portugiesen kollektiv in Saudade-Stimmung bringen. Da fahren am Sonntag ganze Familien samt Opa, Tante und Enkel auf der Rückbank – wirklich zu Hunderten – mit dem Auto bis vorne an die Strand-Promenade und parken dort nebeneinander mit dem Kühler im Wind – um einfach stundenlang durch die Windschutzscheibe aufs Meer zu blicken. Die meisten bleiben im Wagen sitzen, zu zweit, zu dritt, zu viert, machen den Atlantik zu ihrem Wohnzimmer und die Frontscheibe zum Fernseher in die unendliche Weite des Weltmeeres. Manche stricken sogar, während sie die See bobachten. Andere lassen sich vom Rauschen der Wellen in den Schlaf tragen. Sie träumen dabei von den großen, alten Seefahrerzeiten ihres Landes, von Zeiten des Wohlstands, der Liebe und der Romantik, die hier am Ufer ihren Anfang fanden, ganz tief in ihnen weiterleben und trotzdem nie wieder kehren werden.

Die alten Fischer des Dorfes rücken näher an den Strand, sitzen auf Bänken, blicken abwechselnd auf die großen Wellen, während sie romantisierend in Erinnerungen schwelgen. Andere gehen viel zu weit auf den Steg hinaus oder fahren wie magisch angezogen ihren Sehnsüchten mit dem Boot entgegen, um sich ihnen ein wenig näher zu fühlen. Es ist eine eigentlich unbeschreibliche Atmosphäre, die ich so noch nirgendwo erlebt habe. Schaut selbst.

2013 Saudade Mann im Auto blickt auf Meer

Portugiesen auf dem Steg von Nazaré aufs Meer blickend auf Steg aufs Meer blickend

Angler in Nazaré vor Leuchtturm

vier alte Männer auf Strand-Bank in Nazaré

2013 Saudade Segelboot im Regen

——–

Saudade … is not a word. It is a really indescribable feeling that can only be felt when you are a Portuguese. Saudade is a huge feeling of longing, melancholy, pain, nostalgia and loneliness. And the Portuguese love to bring tehmselves into this feeling and to revel in it – because Saudade is so beautiful.

On the beach of Nazaré, you can actually observe an uncredible ritual when Portuguese people bring themselves collectively in saudade mood. As families go together – grandpa, aunt and grandson, hundreds – by car to the front of the promenade and park there side by side to simply spend hours watching the sea through the windshield. Most remain in their seats and the Atlantic Ocean becomes their living room. Some are knitting or are doing crossword puzzles, others take a nap. They seem to dream of the big, old seafaring times of their country, which found its beginning here and though will never return.

11 thoughts on “Portugal (6) – Saudade. Was für eine seltsame Art des Seins.”

  1. Lieber Hendrik,

    wahnsinn wie gut du „Saudade“ beschreibst… diese einzigartige „Stimmung“ oder „Lebensgefühl“ gibt es wirklich bloß in Portugal… für mich war es eines der intensivsten Erlebnisse mich mit den alten Fischern zu unterhalten… sie haben uns zu einem privaten Fado-Abend mitgenommen… es war sensationell.Gänsehaut pur!!! und so „echt“ … Der alte Fischer sagte damals zu uns es ist ganz egal wenn wir die Texte der Lieder nicht verstehen… man fühlt es oder man fühlt es nicht… und er hatte recht!!!

    Liebe Grüße Ursula

      1. ja ich hatte richtige Gänsehaut… und schließlich bin ich eine Frau… auch ein paar Tränchen in den Augen… das ging richtig ins Herz… aber das sind so die Momente die du ein ganze Leben lang nicht vergißt… eben einzigartig schööööööööön… ;-))

  2. Der Deutsche als solcher denkt natürlich: Typisch, die Portugiesen fahren mit dem Auto direkt ans Meer und gehen dann keinen Schritt zu Fuß. Wenigstens eine dreistündige Strandwanderung könnten sie doch machen, die faulen Säcke!
    Schöner Artikel! Martin

  3. Ich kenne das mit den Autos am Wasser (Hafen, Strand oder Küste) von Dänemark, da kommen sie auch und sitzen und schauen aufs Meer, zu Zweit, Alleine oder als Familie….
    Liegt vielleicht auch daran, dass viele Dänen mit der See verbunden sind, Seefahrer, Fischer oder Freizeitkapitäne😉

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