Neugier

Ein Plädoyer für die Neugier – A Plea For Curiosity

NeugierKassel, Park-Café

NeugierEltville, Rheingau

Ein einfacher Satz begegnet mir in letzter Zeit in meinem Freundes- und Kollegenkreis immer häufiger und bringt mich dann ruckzuck auf die Palme: „Dafür bin ich schon zu alt.“ Oder noch schlimmer: „Sowas brauche ich nicht (mehr).“ Meist kommt dieser rigorose Satz verbunden mit einer völligen Ahnungslosigkeit im Umgang mit diesem „Dafür“ oder diesem „Sowas“, denn sie haben es nie ausprobiert, sondern gleich abgeblockt. Meist tauchen diese Sätze bei Diskussionen um Smartphones, neue Sportarten, eBooks, Twitter oder andere durchaus faszinierende Erfindungen auf.

Ich spiele gerne mit allem, was neu ist und bin auch bereit, meine Errungenschaften leidenschaftlich zu verteidigen. (Ob diese Entdeckungen nun nützlich sind oder wirklich den viel zitierten kulturellen Untergang des Abendlandes bedeuten, sei einmal dahin gestellt.) Meine Tante aus dem Rheinland hat immer gesagt: „Was der Bauer nich‘ kennt, dat ißt er nich‘.“ Aber ist das die Erklärung für diese zunehmend beobachtete Skepsis Neuem gegenüber?

Diese Szene der neugierigen Jungs an der alten Wurlitzer, die ich neulich beobachtete, hat mir zu diesem Thema zu denken gegeben. Als wir noch klein waren, wollten wir auch alles untersuchen und testen. Ich erinnere mich: Jedes Yps-Heft wurde sehnlichst erwartet, um die unsichtbare Tinte, Urzeitkrebse oder das Detektiv-Set auszuprobieren.

Neugier und das Bedürfnis nach Neuem ist uns allen genauso wie den Tieren tatsächlich angeboren. Wie hätte die Menschheit sonst das Feuer und das Rad entdeckt? Tiere verlieren allerdings ihre Neugier mit der Geschlechtsreife. Und wir? Hoffentlich nicht!

Also, was passiert da mit uns? Die Wissenschaft hat eine einleuchtende Erklärung. Demnach verlieren wir unsere Neugier, wenn wir älter werden, weil sich unser Hormoncocktail ändert: „Mit zunehmendem Alter nehmen beispielsweise das Dominanzhormon Testosteron und der Stimulanz-Neurotransmitter Dopamin stark ab. Dadurch lassen Neugier und Risikobereitschaft deutlich nach… Im Gegenzug nimmt die Konzentration des Stresshormons Cortisol mit dem Alter im Gehirn zu.“ (Prof. H.G. Häusel) Und Cortisol löst in unserem Hirn Angst und schnell mal Energie für Fluchtreflexe aus. Da reicht dann schonmal der pure Anblick eines Smartphones für reflexartigen Rückzug: „Ich hab mein altes Nokia, sowas brauch‘ ich nicht.“

Na super…Und nu‘? Ergeben wir uns doch unserem biologischen Schicksal, fliehen mit jedem geschenkten Lebensjahr einen Schritt weiter in Tradition und dämmern in Nostalgie vor uns hin.

„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“, sagte Albert Einstein. Stichwort „Leidenschaft“. Leidenschaft läßt uns leben. Und füttert unsere Neugier. Also los, Freunde: Habt Ihr eine Leidenschaft für das Kochen: Kauft Früchte, die Ihr noch nie gegessen habt. Für Musik? Geht in das nächste Konzert einer völlig unbekannten Gruppe (auch auf die Gefahr hin, dass Ihr’s kaum aushaltet). Fürs Lesen? Kauft Euch eine Zeitschrift, die Ihr noch nie gelesen habt. Oder besser: ladet sie Euch runter. Ihr habt keine Leidenschaften? Entdeckt sie.

„Solange man neugierig ist, kann einem das Alter nichts anhaben.“, sagt Burt Lancaster. Lasst uns leidenschaftlich sein. Lasst uns neugierig sein. Lasst uns spielen. Und dann streichen wir auch diesen Satz für immer: „Das versteh‘ ich ohnehin nicht mehr.“ Versprochen?

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A simple sentence is bugging me more and more often: „But I’m too old for this.“ Or worse: „I do not need something like this anymore.“ Which drives me nuts. And the scene of curious guys on the old jukebox, which I observed recently, is now as fuel to the blazing fire.

Let’s stay curious. Let’s be passionate. Let’s play.

 

6 thoughts on “Ein Plädoyer für die Neugier – A Plea For Curiosity”

  1. Das sind Sätze nach meinem Geschmack. Da füge ich noch dazu: Früher war alles…..anders ….usw
    Ich (62 Jahre) bin neugierig auf alles im Leben, egal ob Technik, Kultur oder Kunst, eigentlich auf alles in dieser Welt. Deshalb reise ich viel und lerne gerne andere Menschen und deren Kulturen kennen. Hoffentlich bleibt es noch viele Jahre so, aber ich merke mir jetzt Deinen Aufruf: „Füttern wir unsere Neugier“. Denn es hält jung und man fühlt sich lebendig.
    Deine Bilder dazu sind spitzenmäßig.
    lieben Gruß
    Karin

    1. Danke für deine Unterstützung, Karin. …wie langweilig wäre es, wenn es heute noch so wie damals wäre…:) Danke für dein „Spitzenlob“…Ich muß auch in der Fotografie mal was neues ausprobieren. Morgen gibts einen Fotokurs „Entfesselt Blitzen“. Ja, völlig entfesselt werde ich berichten🙂 LG Andreas

  2. Solange wir neugierig sind, entwickeln wir uns weiter. Um Neues auszupobieren ist man nie zu alt.
    Das Schlimmste was ich zu dem Thema gehört habe war Folgendes: Ich bin nun schon 50 Jahre und kann mich nicht mehr umstellen. Als ich vor einiger Zeit eine neue Maltechnik erlernt habe, fragte mich die Dame dann, was mir das Ganze bringt. Ich war nur noch fassungslos.

    LG Bärbel

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