Sprossen – die perfekte Beruhigungspille

Ich möchte es einfach loswerden. Weil es mir unfassbar erscheint. Wir waren gestern auf einem wunderschönen Jahrmarkt in der Region. Mit tollem Karussell und Leckereien… Mit Heisshunger auf Flammkuchen mussten wir an einer Bude aber am eigenen Leib erfahren, dass wir nichts aus der Ehec-Krise gelernt haben. Da „panikieren“ und schwadronieren wir nun seit Wochen über Ehec und die überall lauernde Ansteckungsgefahr. Und dieser Mensch am Ofen stopft sich vor unseren Augen erst selbst mit blossen Fingern ein Stück Kuchen in den Mund, das er neben der Kasse auf dem Thresen ablegt, greift mit eben diesen Fingern direkt in den Zwiebeltopf, streut die Zwiebeln über den Teig und wischt sich dann die Finger an seiner in allen Farben verfleckten Jeans ab. Das war zuviel. Wir flüchteten unter Protest. Andere blieben. Klar, der Ofen tötet ja Bakterien. Ach ja, und die mit Ehec sind ja nur auf Sprossen.

Mehr Sicherheit gibt es nur mit mehr Wissen, besserer Aufklärung und höherer Bildung. Dazu gehören naturwissenschaftliche Kenntnisse; aber auch Schulunterricht in Hauswirtschaftslehre und Kochen könnte dazu beitragen. FAZ

Aber ich will keine Bakterien anderer Menschen essen. Egal ob lebendig oder gekocht. Das ist eklig. Und ein Beispiel dafür, dass wir trotz oder gerade wegen der semiprofessionellen Aufklärung nichts verstanden haben. Wir sind froh, mal wieder den einen Schuldigen gefunden zu haben. Die Sprosse als Beruhigungspille. Doch nicht die Tomate. So wie damals das Dioxin-Ei. Damit glauben wir, sind alle Lebensmittel wieder sicher. Aber machen wir uns doch bitte nichts vor. Die Ursache liegt doch ganz woanders. Auf jedem Salamibrötchen, auf jedem Salat sitzen Keime. Denn die Lebensmittelindustrie maximiert ihre Gewinne. Und solange Menschen auf Höfen die Ernte unter Umständen vollbringen, die dazu führen, dass die Lebensmittel „irgendwie“ mit ihren Darmbakterien in Berührung kommen, oder Saatgut und Früchte auf dem Weg von der Ernte bis zum Supermarkt mit menschlichen Exkrementen in Kontakt kommen, ist gar nichts in Ordnung (vgl. FAZ v. 11.6.). Bei Tieren wurde der Erreger jedenfalls noch nicht nachgewiesen. Solange wir unsere Hygiene nicht auf die Reihe bekommen, und uns eine Beruhigungspille nach der anderen verpassen lassen, werden Ehec und andere Erreger uns das Leben schwer machen. Warum? Weil Bakterien das einfach können. Punkt.

Meine Oma sagte früher, wenn ich mir eine ungewaschene Tomate reinschob: „Junge, die musst du vorher waschen, wer weiß, wer die schon alles angefasst hat.“ Recht hat sie bis heute. Offensichtlich mehr denn je. Daher an die Adresse aller Verkäufer, Erntehelfer und fleissigen Menschen in der Nahrungsmittelkette: es ist nicht die Sprosse. Die Ursache ist jeder Fauxpas in der Hygienekette. Bitte, wascht Euch die Hände. Und liebe Robert-Koch-Institute und Gesundheitsminister dieser Repbulik: sagt uns bitte laut und deutlich, dass nicht die Sprosse die Ursache ist, sondern unsere Leichtfertigkeit und Leichtgläubigkeit. Für heute jedenfalls ist mir der Appetit aufs Karussell vergangenen. Schade.

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