Niagara Falls

Gursky, Friedrich und ich.

Der kleine Mensch und die gewaltige Natur: Naturschauspiele sind faszinierend und zeigen dem Betrachter eindrucksvoll, wer auf diesem Planeten das Sagen hat. Es bleibt uns Menschen eigentlich nichts anderes übrig, als dieses Verhältnis ehrfürchtig zu akzeptieren – oder zu dokumentieren.

Mein Foto der kleinen Touristen-„Schunke“ vor den Niagara-Falls, die sich minütlich mit ameisengleichen, blauen Regencape-Touristen an Bord den gewaltig tosenden Wasserfällen an der US-kanadischen Grenze nähert, zeigt David gegen Goliath.

Beim Durchblättern des Werks des großen Fotografen  Andreas Gursky entdeckte ich neulich zufällig ein ähnliches Motiv der „Niagara Falls“.   Der frühe Gursky, einer der wohl berühmtesten Fotokünstler der Gegenwart, zeigt einen sehr vergleichbaren Ausschnitt der Wasserfälle wie mein Bild es tut. Gursky muss seine Kamera 1989 am gleichen Punkt positioniert haben wie ich. Sein gewählter Bildaufbau lässt dabei alles noch wesentlich massiver wirken – meine Technik wird niemals an ihn heranreichen.

Ich habe dieses Motiv zum Anlass genommen, etwas mehr über Gursky zu erfahren. Auch seine viel beschworene Nähe zu Caspar David Friedrich ist wirklich spannend genug, um sich mit ihm zu befassen.

Niagara Falls
Andreas Hendrik

Niagara Falls, 1989Andreas Gursky

Interessant sind die Motivationen, die Gursky von Fachleuten aufgrund seiner Bilder zugeschrieben werden: „Es geht ihm (Gursky) nicht um die Veranschaulichung (…) von Erhabenheit und Schönheit der Landschaft. Im Zentrum seines Interesses steht der in diesen Landschaften und Architekturen lebende Mensch… Dabei sind die von ihm gewählten Bildmotive nur ein Vehikel, um den Natur- und Lebensraum des Menschen darzustellen”.
(via youartshop.)

Interessant ist, das Gursky mit dieser Motivation und seinen Motiven aus Sicht der Experten ähnliche Facetten zeigt wie der Romantiker Friedrich: „Gurskys Anspielungen auf die Traditionen der Malerei können manchmal so weit gehen, dass man eine direkte Referenz auf Caspar David Friedrich zu erkennen glaubt.“

Ideale Gebirgslandschaft mit Wasserfall, Caspar David Friedrich
Hier ein vergleichbares Bild des Altmeisters Friedrich. Auch beim Früh-Romantiker bestaunt der kleine Mensch das tosende Wasser.

Spannend ist dieser gezogene Vergleich der vermeintlichen Sinnesgenossen unterschiedlicher Epochen allemal. Gursky und sein Kollege Thomas Ruff kommentieren solche Parallelen allerdings eher sachlich distanziert.

Thomas Ruff: „Als ich anfing, fehlte den Kunsthistorikern und Kritikern das Vokabular für unsere Art der Fotografie, man sprach über uns wie über Maler; Andreas zum Beispiel wurde mit Caspar David Friedrich verglichen. Später haben die alle nachgerüstet, haben eine Begrifflichkeit entwickelt. Inzwischen ist aber auch die Fotografie schon wieder in ein ganz neues Zeitalter eingetreten, und erneut fehlen Begriffe. Schon wieder hängen alle hinterher.“ (Interview im Spiegel)

Seine grössten Kritiker werfen Gursky vor, Bilder zu manipulieren, also „reale“ Elemente – Häuser, Bäume, Berge oder Personen – am Computer zu addieren oder zu entfernen, bis seine Fotografien seiner Vorstellung entsprechen. Darin ähneln sich Caspar David Friedrich und Gursky: in ihrem Gestaltungswillen. Ihre Landschaften montieren sie aus Versatzstücken, statt aus ihrer Sicht Unvollkommenes abzubilden.  Friedrich scheute sich z.B. nicht, seinen „Wanderer über dem Nebelmeer“ aus verschiedenen Höhepunkten deutscher Landschaft zusammenzusetzen.

Dabei bleibt der Düsseldorfer Gursky in hohem Maße unromantisch: „Viele Experten versuchen den Werken Informationen zu entlocken, eine Geschichte darin zu entdecken. Bilder sollen, so denken viele, etwas erzählen – doch das wäre Journalismus. Und wenn Kunstwerke auch noch anfangen literarisch werden zu wollen, langweilt mich das. Ich muss keine Geschichten erfinden. Wir (Anm: Ruff und er) machen das beide nicht. Wir beide vertrauen den Bildern, und die Bilder folgen ihrer eigenen Sprache und Grammatik, die sich eben nicht mit dem üblichen begrifflichen Denken deckt. (Interview im Spiegel)

Der folgende Kommentar zum Verhältnis der von Gursky und Friedrich fasst diese Diskussion pointiert zusammen: „Gursky ist ein zutiefst unromantischer Nachfolger des großen Friedrich und „das Malerische“ in seinem Werk die Grundmelodie des Düsseldorfer Gursky-Panoptikums.“ (via Der Westen)

Übrigens: Gurskys Fotoarbeit aus dem Jahre 1989 wurde von Christies für 180.000 USD verkauft. (Mann, hätte ich mal Hochformat genommen…😉 )

Nachtrag 1: Ich bin C.D. Friedrich weitere Male in meinen Fotos begegnet. Nachzulesen hier: Begegnungen 2 und 3.

Nachtrag 2: Inzwischen ist eine kleine Serie entstanden: Klick hier.

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