Der Friedhof

Winter 1781 – Teil 2: Das Duell

* frei nach einem Bühnenstück der Theatergruppe Hessenpark. Museumstheater Hessenpark: Das Programm des Ensembles gibts hier.

Da sass ich also nun im Gottesdienst der kleinen Gemeindekirche. Der Pfarrer predigte von der Kanzel. Er war jung, seine Wangen leicht errötet vom Missionseifer. Seine Predigt schloss er ab mit den Worten „Der Herr sei mit Euch“. Aber er verliess die Kanzel noch nicht, sondern stimmte ein Lied ein, das von seiner jungen Frau an der Pressluftorgel mehr schlecht als recht begleitet wurde. das arme Instrument pfiff aus dem letzten Loch. Dann erhob er seine Stimme ein zweites Mal, um die Worte des Marktgrafen zu verkünden. Es ging um Pferdefuhrwerke und die zunehmende Angewohnheit ihrer Besitzer, diese vor den Gasthäusern abzustellen. Ich fragte mich ernsthaft, was diese denn sonst damit anfangen sollten.

* frei nach einem Bühnenstück der Theatergruppe Hessenpark. Museumstheater Hessenpark: Das Programm des Ensembles gibts hier: http://www.hessenpark.de/index.php?id=museumstheater

Er war kaum am Ende, als seine Frau an der Orgel plötzlich aufsprang. Mit zittriger aber bestimmter und lauter Stimme richtete sie ihr Wort an die anwesenden hohen Herren. „Bitte erlauben Sie mir, gnädige Herren, Ihre Anwesenheit zu nutzen, um eine Bitte vorzutragen…“. Der Pfarrer erstarrte und seine Röte wich ihm aus dem Gesicht. Es war ihm sichtlich unangenhem und nicht Recht, dass seine zum Orgelspiel bestellte Gemahlin das Wort ergriffen hatte. Er ahnte aber wohl, was jetzt kommen würde, und versuchte ihren Vorstoß mit Gesten zu unterbinden. Vergeblich.

Denn nun war der fürstliche Gesandte von seinem Platz aufgestanden und lehnte sich überrascht von der Kühnheit des jungen Weibsbildes neugierig über die Brüstung. „Oh ha, ein unerwarteter Wortbeitrag.“, seine Stimme klang ein wenig höhnisch, aber die Pfarrersgattin bemerkte den gefährlichen Unterton nicht. Sie war nicht zu bremsen. Der Schultheiß erhob sich nun ebenfalls.

„Wir brauchen ein Krankenhaus! Hier in Usingen.“ Ihre Forderung schien für einen Moment wie in Stein gemeißelt im Kirhenraum zu stehen. „Damit es unseren Kindern, Frauen und Kranken besser geht und weniger sterben.“ Der Pfarrer war nun endgültig in seiner Kanzel in Deckung gegangen, als der fürstliche Gesandte nach einer kurzen Pause schallend auflachte. „Ein Krankenhaus in diesem Kuh-Dorf. Ha, vermutlich mit eigenen Doktoren, Schwestern und Medizin. Hat sie sich den auch vorgestellt, wer das bezahlen sollte? Wie will sie das finanzieren. Aus eigenen Mitteln gar?“ Die junge Frau erstarrte. Mit Hohn hatte sie nicht gerechnet. Doch es kam noch dicker. „Wenn ich es richtig sehe, wird in diesem Dorf tatsächlich sehr viel mehr Geld verdient, als ich es an seinen Abgaben und Steuern ablesen kann…“, rief er in den Krichenraum hinein. Die Gemeinde war erstarrt. Einige straften die Pfarrersfrau mit wütenden Blicken. Sie wußten, dass ihre Forderung gleich mit einer Gegenforderung erwidert wurde und das nun wieder Konsequenzen für jeden im Dorf haben würde. Der Schultheiß hatte geahnt, was passieren würde. Zulange war er bereits in dieser Aufgabe. Er war langsam von seinem Platz in Richtung Tür gegangen. Auf Distanz zum Abgesandten des Hofes. Auf der Treppe von der Empore hinab war er nunauf halber Höhe stehen geblieben und blickte dem Gesandtenauf der Brüstung direkt ins Gesicht. Er war nun Ortsvorsteher und Schultheiß zugleich. Und er wußte, dass sich dieser Vorwurf nun gegen ihn richtete. Er war zuständig für die Gemeindeabgagben. „Ich muß doch sehr bitten, Herr Vogt.“ Sein Profil zeichnete sich scharf vor dem Kirchenfenster ab und wirkte zunehmend bedrohlich.

Der Vogt hatte mit so entschlossener Gegenwehr wohl nicht gerechnet, und schlug daher noch einmal zu: „In diesem Dorf werden Steuern hinterzogen“, ereiferte sich der Amtmann lautstark. „Hinter den Fenstern und Höfen habe ich Vorräte und Erntegaben gefunden, die nicht in den Abgaben erfasst wurden.“ „“Ich muß doch sehr bitten, Herr Vogt.“, der Schultheiß wurden nun auch lauter. Scharf wie ein Peitscheknall klangen seine Worte. „Sie sind der Schultheiss, und Sie sind in der Verantwortung“. Der Vogt spielte seine Macht nun in vollem Maße aus, um jedem in diesem Gotteshaus klar zu machen, wer der hier das Sagen hatte. Der Schultheiß blieb bestimmt: „Seit über 10 Jahren übe ich meine Aufgabe aus. Gewissenhaft. Und der Herr Vogt wissen, dass es ein wirtschaftliches  Abwägen geben muß. Ich verbitte mir daher diesen Ton.“ Der junge Pfarrer hatte die Fassung inzwischen wiedergefunden. Geradezu erbost über soviel Dreistigkeit, in seinem Gotteshaus eine Diskussion über Steuern und Abgaben zu führen, fuhr er zwischen die Streithähne: „bei allem Respekt, die hohen Herren vergessen, dass Sie sich in MEINEM Gotteshaus befinden! Und hier mache ich die Regeln. Ich schlage vor, ich spreche das Schlußgebet, und dann können die Herren ihre Diskussion in der Kälte  vor der Tür weiterführen. Dann dauert es auch nicht so lang .“

Überrascht von soviel Mut und Entschlossenheit verstummte der Vogt, widerwillig zwar, aber es blieb ihm keine andere Wahl. Die Pfarrersfrau hatte sich auf ein klares Handzeichen ihres Gatten wieder an die kleine Orgel gesetzt und die Gemeinde setzte zögerlich und verschüchtert mit einem Lied ein. Der Schultheiß verließ die Kirche, und schlug die Tür des Gotteshauses schallend hinter sich zu.

Der Rest der Messe zog an mir vorbei. Ich hörte nicht mehr zu. Ich versuchte, die richtigen Worte für Elisbeth zurecht zu legen, und wurde mir nach den Geschehnissen der letzten Minuten bewußt, was meine Hiobsbotschaft für die junge Familie bedeuten würde.

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